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Der vfa zur Schweinegrippe: STIKO veröffentlicht Impfempfehlungen
14.10.2009
Die Zahl der mit dem H1N1-Virus erkrankten Personen in Deutschland steigt schwächer an als in den vergangenen Monaten. Bis Montagmittag (12.10.09) zählte das Robert Koch-Institut 21.603 Fälle. Dabei wurden allerdings auch solche als infiziert erfasst, die Grippesymptome aufweisen, nachdem sie Kontakt mit sicher Infizierten hatten. Nach Aussagen der behandelnden Ärzte sind die Krankheitsverläufe nach wie vor zumeist milde. Unterdessen hat die Ständige Impfkommission (STIKO) Impfempfehlungen für bestimmte Personengruppen herausgegeben. Zugelassen durch die Europäische Kommission sind zum jetzigen Zeitpunkt die Impfstoffpräparate zweier forschender Pharma-Unternehmen. Erste Impfstofflieferungen sind noch im Laufe des Oktobers zu erwarten.
Die Empfehlung der STIKO zur Impfung gegen eine H1N1-Infektion beschränkt sich in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit der Impfstoffe zunächst - in folgender zeitlicher Reihenfolge und Priorisierung - auf folgende Personengruppen:
- Beschäftigte in Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege mit Kontakt zu Patienten oder infektiösem Material
- Personen ab einem Alter von 6 Monaten mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens
- Schwangere und Wöchnerinnen, wobei die STIKO für diese nur Impfstoffe ohne Adjuvantien empfiehlt
Die Kommission hat zugleich angekündigt, zu einem späteren Zeitpunkt über Impfempfehlungen für weitere Personengruppen zu entscheiden.
Ursächlich für die Ausbreitung des Virus in Deutschland sind mittlerweile in 75 Prozent der Fälle hiesige Ansteckungen. Infiziert zurückkehrende Ferienreisende spielen aktuell eine untergeordnete Rolle. In den Sommermonaten waren es insbesondere jüngere Heimkehrer aus dem Spanien-Urlaub, die sich beim Feiern in größeren Gruppen, durch Flirts und das gemeinsame Trinken aus den gleichen Gläsern oder Eimern infiziert hatten.
Weltweit hat sich die Zahl der Infizierten auf über 200.000 erhöht, in Europa auf über 50.000. Die meisten davon sind mittlerweile wieder gesund. Insgesamt sind 4.675 Todesfälle zu beklagen, in Europa 201. Dazu zählt auch eine 36-Jährige, die in der Uniklinik Essen an Herz- und Nierenversagen sowie einer Sepsis verstorben ist. Ursächlich hierfür war eine Schweinegrippe-Infektion. Bei der Verstorbenen handelt es sich um das erste Todesopfer in Deutschland. Einen möglichen zweiten Fall hat das Robert Koch-Institut bislang nicht bestätigt. Dabei handelt es sich um einen 5-Jährigen, der infolge einer Lungenentzündung verstorben war.
Wirksame Impfstoffe bald verfügbar
Das neuartige Grippevirus zählt nach der einschlägigen Klassifikation der Grippeexperten zu den Influenza A/H1N1-Viren. Andere Grippeviren der gleichen Klasse sind schon früher in Europa und anderen Teilen der Welt aufgetreten, doch keines, das dem neuen Erreger gleicht.
Einen passenden Grippeimpfstoff zu entwickeln und in ausreichenden Mengen zu produzieren, erfordert auch unter günstigen Umständen mehrere Monate. Forschende Pharmaunternehmen haben den Erreger analysiert. Die Produktion von Impfstoffen läuft bereits seit mehreren Monaten. Am 29. September haben die Impfstoffe zweier forschender Pharma-Unternehmen Zulassung durch die Europäische Kommission erhalten. Die Zulassungsanträge für weitere Impfstoffe werden noch bearbeitet.
Studienergebnisse mehrerer Hersteller deuten darauf hin, dass die meisten Menschen (Personen im Alter zwischen zehn und 60 Jahren) möglicherweise nur eine einzige Impfung brauchen, um vor der Schweinegrippe geschützt zu sein. Kinder von sechs Monaten bis neun Jahren benötigen - zumindest für einen der zugelassen Impfstoffe - voraussichtlich zwei Impfungen, ebenso wie Erwachsene, die älter als 60 sind.
Impfgegner schüren Ängste
Skeptiker nähren im Zusammenhang mit den bevorstehenden Impfungen gegen die Schweinegrippe Ängste vor Nebenwirkungen. Tatsächlich sind Grippeschutzimpfungen generell gut verträglich und es ist anzunehmen, dass das Gleiche auch für die Impfstoffe gegen Schweinegrippe gelten wird. Nebenwirkungen, die bei den derzeit durchgeführten Studien auftreten, beschränken sich auf Schmerzen, Hautrötungen, Verhärtungen und Blutergüsse an der Einstichstelle. Bei einzelnen Patienten werden leichtes Fieber, Gelenkbeschwerden und Schüttelfrost beobachtet – allesamt Symptome, die nach wenigen Tagen wieder abklingen.
Dennoch ist davon auszugehen, dass sich im Herbst die Klagen über derlei Erscheinungen häufen, einfach weil sich wohl außergewöhnlich viele Menschen impfen lassen dürften. Selbst ein prozentual kleiner Anteil der Geimpften entspricht einer Zahl von vielen Tausend, wenn – wie angenommen – mehrere Millionen Bundesbürger geimpft werden.
Behauptungen, eine Grippeimpfung selbst führe erst zu einer Grippeerkrankung, sind frei erfunden: Grippeimpfstoffe können keinen Infekt verursachen, da sie nur die isolierten Eiweiße des Virus enthalten und keine infektiösen Viren.
Impfstoffe schneller verfügbar als früher
Einige Hersteller benötigen heute weitaus weniger Virenmaterial pro Impfspritze, weil Zusatzstoffe – sogenannte Adjuvantien – die Schutzwirkung wesentlich verstärken. Dadurch lassen sich heute die für große Impfaktionen nötigen Mengen an Impfstoff schneller verfügbar machen als noch vor wenigen Jahren. Diese Adjuvantien wurden schon zuvor in zugelassenen Impfstoffen eingesetzt.
Adjuvantien
Der Impfstoff gegen die Schweinegrippe, der in Deutschland ab Oktober zum Einsatz kommen soll, enthält neben Oberflächen-Eiweißen aus dem Schweinegrippe-Virus auch einen Wirkverstärker, ein sogenanntes Adjuvans. Es intensiviert die Immunreaktion des Körpers, sodass der Impfstoff gut wirksam ist, auch wenn er nur eine sehr geringe Menge Virus-Eiweiß enthält. Die ersten zugelassenen Impfstoffe gegen die Schweinegrippe enthalten Adjuvantien. Weitere Impfstoffe - teils mit, teils ohne Adjuvantien - befinden sich im Zulassungsverfahren. Der Impfstoff gegen die Schweinegrippe, der in Deutschland ab Oktober zum Einsatz kommen soll, enthält neben Oberflächen-Eiweißen (Antigenen) aus dem Schweinegrippe-Virus auch einen Wirkverstärker, sogenanntes Adjuvans (Mehrzahl: Adjuvantien). Dieser intensiviert die Immunreaktion des Körpers, sodass der Impfstoff gut wirksam ist, auch wenn er nur eine sehr geringe Menge Virus-Eiweiß enthält. Auch mehrere andere, bislang nicht für Deutschland bestellte Impfstoffe enthalten Adjuvantien.
Die Adjuvantien in den Schweinegrippe-Impfstoffen sind nicht neu. Sie sind auch in anderen Impfstoffen enthalten, die in umfangreichen Studien erprobt und nach eingehender Überprüfung durch die Zulassungsbehörden freigegeben wurden. Mit einem saisonalen Grippeimpfstoff, der eines dieser Adjuvantien enthält, wurden seit 1997 bereits rund 45 Millionen Menschen geimpft. Aktuell werden diese Adjuvantien im Rahmen der laufenden Studien mit den Schweinegrippe-Impfstoffen ein weiteres Mal auf ihre Verstärkerwirkung und Verträglichkeit überprüft.
Bei den Adjuvantien handelt es sich um Gemische, genauer: Öl-in-Wasser-Emulsionen. Ihre Einzelsubstanzen sind schon seit Jahrzehnten bekannt und haben sich als unbedenklich erwiesen: Es sind Vitamin E und Polysorbat, die in Getreide vorkommen, sowie Squalen, das u. a. in Olivenöl enthalten ist.
Auch ohne Adjuvantien lassen sich voll wirksame Grippeimpfstoffe herstellen. Der Nutzen der Adjuvantien in der aktuellen Situation ist, dass sich mit ihnen schneller die vielen Portionen Impfstoff produzieren lassen, die für die Impfkampagne benötigt werden; denn durch sie wird pro Spritze weniger von der knappsten Zutat benötigt, dem Vireneiweiß.
Impfstoffe mit Adjuvantien haben allerdings einen Nachteil: Sie führen häufiger als Impfstoffe ohne Adjuvantien zu vorübergehenden und harmlosen, aber störenden Reaktionen, etwa einer Verhärtung an der Einstichstelle oder einer erhöhten Körpertemperatur. Dafür bieten Adjuvantien nach bisherigen Erfahrungen den Vorteil, dass sie den Immunschutz „verbreitern“: Der oder die Geimpfte entwickelt dann nicht nur Abwehrkräfte gegen genau das Virus, aus dem der Impfstoff gemacht wurde, sondern auch gegen Varianten davon. Das wird insbesondere dann relevant, wenn sich die Schweinegrippe-Viren verändern sollten. Bisher haben sie das nicht getan, doch sind Veränderungen bei Grippeviren erfahrungsgemäß nur eine Frage der Zeit.
Für die Herstellung von Grippeimpfstoffen gibt es zwei verschiedene Produktionsmethoden. Bei der einen werden Grippeviren in bebrüteten Hühnereiern vermehrt, bei dem anderen in Zellen in großen Stahltanks. Die Viren werden in beiden Fällen nach ausreichender Vermehrung „abgeerntet“, inaktiviert (abgetötet) und Bestandteile daraus werden dann zum Impfstoff weiterverarbeitet.
Behörden beobachten Entwicklung
Die Bundesländer haben zum jetzigen Zeitpunkt 50 Millionen Impfdosen geordert. Das reicht für etwa ein Drittel der Bevölkerung, wenn für den Impfschutz zwei Injektionen nötig sind. Möglicherweise genügt bei vielen Menschen aber sogar eine einzige Injektion. Mit den Krankenkassen hat die Bundesregierung vereinbart, dass diese die Impfstoff-Kosten für bis zu 35 Millionen Menschen - vor allem chronisch Kranke, Schwangere und medizinisches Personal - übernehmen. Bund und Länder wollen den Weg dafür ebnen, dass sich jeder impfen lassen kann, der dies möchte.
Gesundheitsämter werden über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten und mit etwaigen Handlungsempfehlungen versorgt. Es gibt in der Bundesrepublik seit Jahren einen Grippe-Pandemieplan, und Netzwerke von Schwerpunktpraxen überwachen, wie sich die Ausbreitung der Schweinegrippe entwickelt. Ärzte sind bereits seit Mai bundesweit verpflichtet, Verdachtsfälle der Schweinegrippe ans Gesundheitsamt zu melden.
Derzeit kann niemand verlässlich einschätzen, wie hoch die Gefahr der Entwicklung zu einer weltweit dramatischen Schweinegrippe-Pandemie tatsächlich ist. Die Bundesrepublik ist auf ein solches Szenario auf jeden Fall vorbereitet. Seit langem wurden nationale Krisenpläne erarbeitet, die bei Bedarf in Kraft gesetzt werden können.
Was passiert im schlimmsten Fall?
Die derzeitigen Schätzungen zu den Auswirkungen einer Grippepandemie fallen unterschiedlich aus. Im Extremfall – falls die Schweinegrippeviren für den Menschen wesentlich gefährlicher werden - sind folgende Szenarien anzunehmen:
- Die Pandemie könnte den Globus in zwei bis drei Wellen im Abstand von vier bis sechs Monaten umrunden.
- 25% der Bevölkerung könnten bei der ersten Welle erkranken, bei den folgenden Wellen aber weniger.
- Die Abwesenheitsrate vom Arbeitsplatz könnte auf dem Höhepunkt bei 30 bis 50% liegen.
- Die Mortalität könnte bei 3 bis 5% der Erkrankten, d. h. bei 1% bezogen auf die gesamte Bevölkerung liegen.
- Obwohl die Beschränkung von grenzüberschreitenden Reisen für eine bestimmte Zeit keine besonders effektive Maßnahme zur Verhinderung der Pandemie ist, könnte es solche Einschränkungen geben.
In Deutschland sterben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jährlich zwischen 8.000 und 15.000 Menschen an der landläufigen und jedermann bekannten saisonalen Grippe, vor allem ältere Personen mit Vorerkrankungen. Die Zahl der bislang weltweit bekannt gewordenen Todesfälle infolge der Schweinegrippe kommt zum jetzigen Zeitpunkt nicht annähernd in die Nähe dieser Größenordnung.
Stand: 12. Oktober 2009
Quelle: vfa